Unterstützung von Familien, die ein Kind vermissen

10 September 2013

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Jedes Jahr verschwinden Kinder spurlos. Unabhängig davon, ob das Kind ausgerissen ist, von einem Elternteil entführt wurde oder ob es sich um ungeklärte Dramen handelt – der Schmerz des Verschwindens belastet die Familien.

Wie können Familien unterstützt werden, wenn ihr Kind verschwunden ist?

Es gibt wissenschaftliche Texte über die Trauer von Familien, wenn ein Kind verschwindet. Diese behandeln aber in erster Linie Situationen in einem Kontext von Gewalt (Balkankriege, Gewalt in Argentinien…). Ausgehend von den vorhandenen Unterlagen können aber einige Gemeinsamkeiten abgeleitet werden.

Gemäss einigen Autoren und Autorinnen bleiben die Familien in der Schwebe, in der größtmöglichen Ungewissheit, wenn ein geliebter Mensch verschwindet, sei es unter gewaltsamen oder ungeklärten Umständen. Sie verbleiben auf der Schwelle (limen auf Lateinisch) des Todes, der Witwenschaft, der Trauer. Diese Übergangsphase wird von der Stille ständig aufrechterhalten. (Verstraeten, S. 75–76)

Im Fall von Zwangsverschleppungen konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Faktoren ermitteln, die den betroffenen Personen helfen, wieder ein gewisses Wohlbefinden zu erreichen, zum Beispiel durch kollektive Rituale (wie zum Beispiel die Veranstaltungen der Mütter des Platzes der Mairevolution, die gemeinsamen Gedenkfeiern von Srebrenica, die Denkmäler für vermisste Soldaten) (Verstraeten und Probst Favret).

Zwangsverschleppungen lassen sich in eine historische Periode einbetten. Es handelt sich um eine von einer Gemeinschaft, einer Nation gemeinsam erlebte Situation, ein gemeinsam geteilter Schmerz, was Gedenkfeiern ermöglicht. Der Tod der Vermissten kann aus dem historischen Zusammenhang heraus als wahrscheinlich, wenn auch nicht als sicher, betrachtet werden. Der Sinn, der diesem Verschwinden so gegeben werden kann, kann auf den historischen Zusammenhang bezogen werden. Es muss aber unterstrichen werden, dass diese Faktoren, auch wenn sie den Abschiedsprozess unterstützen, keine Garantie für besseres Wohlbefinden sind (Probst Favret, S. 108).

Bei Kindern oder Erwachsenen, die unter ungeklärten Umständen verschwunden sind, gibt es keine gemeinschaftliche und historische Dimension. Der Schmerz kann nur mit den Angehörigen geteilt werden. Nichts bestätigt, dass der Tod als wahrscheinlich betrachtet werden kann. Die Suche nach dem Sinn des Verschwindens wird durch besondere Umstände geprägt.

Welche Faktoren erlauben es also den Familien, sich darauf einzustellen und durch passende Wege ihre Identität und den Lebenssinn wiederzufinden (Poretti)?

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Die Stiftung Sarah Oberson organisiert eine Konferenz, um die Ergebnisse dieser Untersuchung von Michele Poretti, leitender Wissenschaftler am IUKB und Berater, vorzustellen:

An der Schwelle zur Trauer? Die Ungewissheit der Familien vermisster Kinder

30. September 2013, von 10h00 bis 12h00, im universitären Institut Kurt Bösch in Sitten/Bramois

Der Anthropologe Marc-Antoine Berthod hält einen Vortrag zu dem Thema: „Die Familien gegenüber ihrer Gemeinschaft“ (Les familles face à leur communauté). Denn bei solchen Dramen sind die betroffenen Familien nicht nur ihrem Schmerz und ihrem Verlust ausgesetzt. Sie stehen auch in Austausch mit ihrer Gemeinschaft, mit den Medien und der Auslegung, die letztere des Dramas machen. Auch diese Faktoren beeinflussen die Fähigkeit, den Verlust zu überleben.

Referenz :

Poretti Michele (2013), Au seuil du deuil ? Les familles d’enfants disparus à l’épreuve de l’incertitude. Revue de littérature, Fondation Sarah Oberson, Sion.

Probst Favret Marie-Corinne (2009), «Enfants de père porté disparu: le deuil suspendu», in Betty Goguikian Ratcliff et Olivier Strasser (dir.), Clinique de l’exil. Chroniques d’une pratique engagée, Chêne-Bourg: Editions Georg, pp. 101-110.

Verstraeten Alice (2006), «La “ disparition forcée ” en Argentine. Occultation de la mort, empêchement du deuil, terreur, liminalité», in Frontières, vol. 19, n° 1.