Ein Kind um jeden Preis?

10 Januar 2011

Die neue Situation der Zeugung durch eine Mutter in den Wechseljahren, die sich “nie damit abfinden konnte kein Kind zu haben” und im Alter ist Grossmutter zu sein, wirft erneut die ganze Debatte darüber auf, welche Grenze der Virtuosität der Wissenschaftler zu setzen sei.

Leitartikel von Herr Jean Zermatten, Vizepräsident der Sarah Oberson Stiftung und des Kinderrechtskomitees der Vereinten Nationen, Leiter des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE)

Am 25. Juli 1978 wurde Louise Brown um 23.47 Uhr im Oldhamer Spital (Manchester) geboren. Es ist das erste „Retortenbaby“; ausserhalb des Mutterleibes gezeugt. Es ist wahrscheinlich das bekannteste Baby der Welt.

Es war, denn 2005 brachte uns ein neues berühmtes Neugeborenes: Adriana in Bukarest; geboren aus dem Eigensinn einer 67-jährigen Mutter, die es geschafft hat ihren Traum zu verwirklichen: ein Kind zu produzieren. Und dann gestern: Dominique C., 64 Jahre, ist die älteste Mutter der Schweiz geworden. Ihre Tochter heisst Katherine und es geht ihr gut…. Die Schwangerschaft wurde durch eine künstliche Befruchtung ermöglicht, mit der Eizelle einer Spenderin. Da ein solcher Eingriff in der Schweiz verboten ist, hat sich die Rentnerin nach Russland begeben, um sich diesem zu unterziehen.

Die Befruchtung im Reagenzglas (und die seit 1978 entwickelten Verfahren, direkte Einführung der Spermien, gefrorene Embryonen, wovon Eizellen, Leihmütter und ich vergesse bestimmt weitere) hat ein ganz bestimmtes Ziel: es den Frauen, welche in ihrem Körper nicht befruchten können ermöglichen, ein Kind auszutragen. Die neue Situation der Zeugung durch eine Mutter in den Wechseljahren, die sich „nie damit abfinden konnte kein Kind zu haben“ und im Alter ist Grossmutter zu sein, wirft erneut die ganze Debatte darüber auf, welche Grenze der Virtuosität der Wissenschaftler zu setzen sei. Es ist dies eine ethische Debatte, die Gegenstand einer kürzlichen Volksabstimmung war und entschied, dass man den an Dominique C. durchgeführten Eingriff nicht erlaubt.

Die spezifische Frage, die sich hier stellt, ist die des Rechts trotz und gegen allem ein Kind zu haben. Ich verstehe sehr wohl – und respektiere – den Entscheid der Eltern, denen es unmöglich ist zu zeugen. Aber ich folge mit grosser Mühe dem Entscheid der Aargauerin und ihrer Ärzte. Denn welcher Aspekt ist in der Zeugung alles in allem zu berücksichtigen: der Wunsch der fast siebzigjährigen Mutter, ein Baby zur Gesellschaft zu haben, oder jener von Katherine; ein Kind dessen höheres Wohl zu berücksichtigen wäre: das, von seiner Mutter und nicht einem Waisenhaus grossgezogen zu werden. Nehmen wir das wirkliche Beispiel der Spanierin Carmen Bousada, die im Alter von 67 Jahren die älteste Frau wurde, die Zwillinge gebar und die 2009 an Krebs verstarb; sie hatte ihre Zwillinge am 26. Dezember 2006 in einem Spital von Barcelona zur Welt gebracht, nachdem sie sich in den Vereinigten Staaten einer Hormonbehandlung und einer künstlichen Befruchtung unterzogen hatte. Was wird aus ihren Kleinen werden?

Wovon ist hier die Rede? Von einer Verzerrung des natürlichen Zeugungsprinzips, von der Gesetzesvermeidung (ausdrückliches Verbot dieses Verfahrens) und dem Anrecht auf ein Kind. Niemand erkennt Erwachsenen ein absolutes Recht auf Kinder zu; hingegen ist das Recht des Kindes, von seinen Eltern grossgezogen zu werden unbestritten. Es ist jedoch zweifelhaft, dass es hier zum Tragen kommt.

In welchem Alter ist die Grenze zur künstlichen Befruchtung zu setzen? Wie ein Journalist kürzlich auf bissige Art meinte: entsprechend der Anzahl Plätze in den Einrichtungen…

Dieser Artikel ist am 07.01.2011  im Le Peuple Valaisan erschienen.