Für einen verbesserten Entführungsalarm

21 Mai 2015

Anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder am 25. Mai setzt sich die Sarah Oberson Stiftung dafür ein, dass die Kriterien zur Auslösung des Entführungsalarms in der Schweiz gelockert und diesbezügliche nationale Statistiken erstellt werden.

MEDIENMITTEILUNG

Die ersten Stunden nach einer Entführung sind für den Fahndungserfolg entscheidend – von ihnen hängt die Wahrscheinlichkeit, das Opfer gesund und wohlbehalten zu finden, ab. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich haben dies erneut am Fall der kleinen Berenyss gezeigt. Seit der Einführung des Entführungsalarmsystems in unserem Nachbarland im Jahr 2006 wurde es bereits zum 14. Mal in Folge erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz gibt es dieses System seit 2010, doch wurde es noch nie aktiviert. Die Sarah Oberson Stiftung, die sich seit über 15 Jahren für die Verteidigung der Kinderrechte einsetzt, findet die aktuellen Kriterien zur Auslösung des Alarms zu restriktiv. Daher plädiert sie für eine Lockerung dieser Kriterien.

Kriterium der Gefährlichkeit muss im Vordergrund stehen

Nicht alle Entführungsfälle lösen einen Alarm aus. Das System wird nur aktiviert, wenn es sich um Notfallsituationen handelt, in denen die physische und psychische Integrität des Kindes gefährdet ist. «Dieses Kriterium muss die Priorität bilden», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin der Stiftung. «Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Alarme auszulösen, sondern die Sache objektiv, unter Berücksichtigung der Gefahr und der Indizien, die der Polizei zur Verfügung stehen, anzugehen.»

Eine Lockerung der Kriterien würde zudem ermöglichen, das Alarmsystem auch bei gefährdeten Ausreissern oder bei elterlicher Kindesentführung zu aktivieren. «In der Schweiz ist dieser Faktor momentan nicht ausschlaggebend – ganz anders in Übersee. In den USA[1] beispielsweise wurden 2011 mehr als die Hälfte der Entführungsalarme infolge einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst. Dieser Punkt darf in unserem Land nicht länger vernachlässigt werden, wenn man bedenkt, dass zwischen 2010 und 2012 für das Verschwinden von 85% der im Kanton Waadt registrierten vermissten Kinder ein Elternteil verantwortlich war[2]

Da fast die Hälfte der Ehen geschieden werden und eine von zehn Trennungen mit Streitigkeiten vor Gericht endet, sind diese Verschwindungsfälle oftmals auf den Zerfall des familiären Rahmens zurückzuführen. Für die Kinder, die aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen werden und die eines der beiden Elternteile nicht mehr sehen können, kann das verheerende und traumatisierende Folgen haben.

Statistiken fehlen

Ein anderes Thema, das der Sarah Oberson Stiftung seit mehreren Jahren am Herzen liegt, ist die Schaffung nationaler Statistiken zum Verschwinden von Kindern. In einem jüngeren Bericht über die Situation in der Schweiz hat der Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz keinerlei zentralisiertes System zur Sammlung von Daten gibt, insbesondere nicht was die Gruppe von Kindern am Rande der Gesellschaft oder in schwierigen Situationen anbelangt. Guillaume Grand hofft, dass die Schlussfolgerungen des Ausschusses Früchte tragen werden: «Hierbei handelt es sich um eine verkannte Realität. Durch die Schaffung eines zentralisierten Systems, wie vom Ausschuss vorgeschlagen, könnten wir die Verschwindensfälle besser in Zahlen fassen, sie wissenschaftlich beurteilen sowie Präventionsmassnahmen und geeignete Reaktionsstrategien planen.» Wie der Präsident der Sarah Oberson Stiftung, Jean Zermatten, sagt: «Wir dürfen nicht meinen, die Kinderrechte würden in der Schweiz gänzlich respektiert werden. Auch bei uns gibt es noch Einiges zu tun.»


[2] Zahlen aus dem «Projet de recherche sur la faisabilité d’une étude sur les disparitions de mineurs dans le canton de Vaud»: http://www.sarahoberson.org/images/upload/pdfs/apport__131022.pdf

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