Trennung, ein gewöhnliches Erdbeben

10 Februar 2015

As’trame ist “überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den Eltern nützlich ist, um die gemeinsame Elternschaft konstruktiv mit ihnen zu erarbeiten und einzuführen. Die Qualität der Erziehung und die Fähigkeit, mit anderen Eltern zusammenzuarbeiten, sind unserer Meinung nach wichtige Schutzfaktoren.”

Von Charlotte Crettenand, Psychologin-Psychotherapeutin FSP, Präsidentin von As’trame Wallis, Vortrag in Konferenz Sarah Oberson 2014, 12.11.2014 : “Kinder und Trennung von den Gründen zu vorgeschlagenen Massnahmen!”

Aufgrund der Statistiken werden Trennungen häufig verharmlost. Die Familien, die bei uns Rat suchen, bezeugen selbst, dass es in den Klassen ihrer Kinder fast „anormaler“ ist, aus einer Familie zu stammen, in der Vater und Mutter zusammenleben, als aus einer Eineltern- oder Patchworkfamilie.

Wenn uns eine Trennung aber persönlich betrifft, ist es eine bedeutende Veränderung. Genau das drückt eine Mutter aus, der wir im Rahmen von As’trame begegnet sind: „Als mich mein Mann verlassen hat, war ich zerstört. Für mich war es das „Ende der Welt“. Ich hatte keinen Halt mehr. Ich war völlig verloren. Auch meine Kinder waren verloren. Sie schwankten zwischen Trauer, Wut und Unverständnis. Ich fühlte mich nicht stark genug, um all ihre Erwartungen zu erfüllen und ihre Fragen zu beantworten. (…) Eine Trennung erleben ist ein emotionales Erdbeben und wenn man darüber sprechen möchte, ist es manchmal schwierig, sich nicht beurteilt zu fühlen.“

Familienstruktur: Ehe und gemeinsame Elternschaft

Bei einer vereinten Familie ist es fast unmöglich, zwischen Ehe und gemeinsamer Elternschaft zu unterscheiden. Als Erwachsener ist man sowohl Ehepartner wie auch Elternteil. Beides ist vermischt.

Wenn die Familie auseinanderbricht, ist das eheliche Band kaputt. In solchen Situationen wird oft gesagt: „Auch wenn sich Papa und Mama nicht mehr lieben, bleiben sie doch immer dein Papa und deine Mama“. Genau darin liegt die Herausforderung gegenüber den Kindern bei einer Trennung: Wie kann man weiterhin als Eltern zusammenarbeiten, wenn man eine zerrissene, betrogene, enttäuschte Frau (oder Mann) ist?

Auf dem Schema sieht man, dass die Trennung die Ebene der Ehe betrifft. Das Kindesverhältnis bleibt bestehen. Die Entscheidung, welche die Erwachsenen getroffen haben, beeinflusst das Band zwischen zwei Elternteilen und ihren Kindern nicht. Wenigstens theoretisch.

In bestimmten Situationen dauert der Ehekonflikt nämlich an und wirkt sich auch auf die Beziehung zu den Kindern aus.

In allen Fällen müssen die Familienmitglieder den Verlust (der idealen, vereinten Familie) verarbeiten. Dieser Prozess gleicht der Trauer, ist aber nicht dasselbe, da es sich um einen „uneindeutigen Verlust“ handelt (Pauline Boss, 1999). Denn auch wenn der Partner und Elternteil nicht mehr physisch anwesend ist, gibt es ihn weiterhin (und er ist aktiv). Diese Anwesenheit-Abwesenheit ist eine weitere Herausforderung für Familien, wenn sich Paare trennen.

Folgen für das Kind

Nach einer Trennung werden bei Kindern verschiedene Reaktionen beobachtet, die sich je nach Lebenskontext unterscheiden können (Familie, Schule, ausserschulischer Bereich…). In einer 2012 herausgegebenen Broschüre („L’enfant et le divorce“) haben wir fünf wichtige Reaktionen hervorgehoben, die zu den üblichsten gehören und hier nicht im Detail vorgestellt werden.

Es soll nur kurz aufgezeigt werden, wie verschieden diese Reaktionen ausfallen können. Sie können:

•    emotional sein: Trauer, Wut, Unverständnis, Angst, Angst vor dem Verlassenwerden, vermindertes Selbstwertgefühl…

•    das Verhalten betreffen: Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Änderung des Essverhaltens, Einschlafprobleme…

•    die Trennung betreffen: Schwierigkeiten bei Übergangsmomenten, Versöhnungsversuche bei den Eltern, Partei für einen Elternteil ergreifen…

Natürlich reagieren nicht alle Kinder gleich. Es können andere Schwierigkeiten auftreten, als die oben als Beispiele angeführten.

As’trame im Dienst der Familien

As’trame bietet jeder Familie, die es möchte im für sie richtigen Moment strukturierte und punktuelle Begleitung. Einige Familien nehmen kurz nach der Trennung mit uns Kontakt auf, andere mehrere Jahre später, einige noch bevor sie es den Kindern mitteilen, um Ansatzpunkte zu haben.

Wir erhalten häufig wegen den Kindern – die ihre Eltern (oder die Fachpersonen in ihrem Umfeld: Lehrkräfte, ErzieherInnen, SchulkrankenpflegerInnen…) durch ihr Verhalten beunruhigen – Zugang zu den Familien.

Wir greifen schon im Vorfeld ein, ab den ersten Anzeichen von Problemen, und sind für alle Fragen zum Trennungsprozess da. Wir sind überzeugt, dass dies in den meisten Fällen das Leiden nach und nach lindern kann und so vermieden wird, dass sich längerfristige Schwierigkeiten entwickeln.

Wir laden Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein, einen «Parcours de Reliance» zu machen (allein, mit Geschwistern oder in einer Gruppe), um die Personen dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu mobilisieren und Risiken vorzubeugen, die durch die Trennung von Familien entstehen.

Wir sind überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den Eltern nützlich ist, um die gemeinsame Elternschaft konstruktiv mit ihnen zu erarbeiten und einzuführen. Die Qualität der Erziehung und die Fähigkeit, mit anderen Eltern zusammenzuarbeiten, sind unserer Meinung nach wichtige Schutzfaktoren.

Referenzen:

As’trame (2012). L’enfant et le divorce. Comprendre ce qu’il vit et le soutenir dans les changements qu’il traverse.

Broschüre gratis bestellbar unter: http://www.astrame.ch/actu-et-documentation/commande-de-documents/ (FR)

Boss, Pauline (1999). Ambiguous Loss. (EN) Harvard University Press.

Mediation, ein möglicher Weg !

9 Dezember 2014

Bei einer Trennung unterstützt der Mediator oder die Mediatorin das Paar dabei, Eltern für ihr Kind zu bleiben. Sie werden mit ihren elterlichen Pflichten im Interesse des Kindes konfrontiert. (…) Dieses Vorgehen führt zu einer kindgerechten Organisation.

Von Jocelyne Duc Schweri schreibt über das Thema der Sarah-Oberson-Konferenz 2014, an der sie als Rednerin an der Diskussionsrunde teilgenommen hat.

Mediation bietet in einem neutralen, vertraulichen und sicheren Raum in der Anwesenheit einer Drittperson einen konkreten Ansatz, dank dem schlüssige und nachhaltige Lösungen gesucht, entwickelt und erarbeitet werden können.

Bei einer Trennung unterstützt der Mediator oder die Mediatorin das Paar dabei, Eltern für ihr Kind zu bleiben. Sie werden mit ihren elterlichen Pflichten im Interesse des Kindes konfrontiert. Die Mediation geht von der Gegenwart aus, um die Zukunft zu organisieren. Die Vergangenheit hingegen wird nicht thematisiert.

Um in gemeinsamer Verantwortung eine Bindung zwischen Kind und Eltern aufzubauen, muss die derzeitige Situation des Kindes genau analysiert werden (Schlaf, Schule, Sport, Gesundheit, Bildung, Kosten…). So können beide Elternteile ihre Positionen darlegen.

Ab diesem Zeitpunkt können die Eltern:

- sich über die spezifischen Bedürfnisse wie Gesundheit und Freizeit ihres Kindes verständigen und diese in ihren Gesprächen berücksichtigen.

- ihre Bedürfnisse als Vater oder Mutter ausdrücken und sie mit dem Alter des Kindes in Verbindung setzen, wie zum Beispiel eine Verpflichtung in der Jugend, die bei studierenden Kindern über das 18. Lebensjahr hinausgeht.

- den grösseren Familienkreis wie Grossvater, Grossmutter, Onkel, Tante, Freunde, Kolleginnen, Kollegen in ihre Überlegungen einbeziehen.

- wichtige Faktoren für die Organisation rund um das Kind berücksichtigen, wie die Distanz zwischen den Wohnorten.

Die Organisation rund um das Kind wird in gemeinsamer Verantwortung von Vater und Mutter wahrgenommen. Das entspricht einer kindgerechten Organisation und bedeutet die Akzeptanz der Differenzen zwischen Mutter und Vater. Die gemeinsam gefundenen Lösungen können in einer schriftlichen Vereinbarung festgehalten werden, die den Behörden, zum Beispiel der KESB oder dem Richter, zur Beglaubigung vorgelegt werden kann.

Idealerweise wird vor der Trennung ein Plan erstellt, damit das Kind im Moment der Ankündigung der Trennung mit einer „homöopathischen“-Einstellung beruhigt werden kann. Diese soll für den Übergang möglichst viel Sicherheit bieten.

Mediation kann jedoch jederzeit im Trennungsprozess oder auch später bei elterlichen Diskussionen zur Organisation rund um das Kind erfolgen.

Kinder, Trennung und Dramen: Ist die Gesellschaft mitverantwortlich?

23 September 2014

Wie kann vermieden werden, dass die Trennung der Eltern im Drama für die Kinder endet?

In der Schweiz werden ungefähr 43 % der Ehen geschieden: Es wird vermutet, dass dabei 12’700 Kinder betroffen sind, ohne die Trennungen ausserhalb einer Ehe zu zählen. Die meisten Situationen werden „zivilisiert“ geregelt. Streitige Scheidungen sollen nur 10 % ausmachen. Trotzdem gehen zahlreiche Fälle mit einer Verarmung (FR) einher. Bei den streitigen Scheidungen gibt es ausserdem Extremfälle. Im Jahr 2013 wurden in der Schweiz 106 neue Fälle internationaler Kindesentführungen durch einen Elternteil behandelt. Andererseits berichten die Medien regelmässig über die Tötung von Kindern durch einen Elternteil, der anschliessend Selbstmord versucht. Manchmal bezahlen die Kinder einen hohen Preis für die Trennung ihrer Eltern.

Sollte die Gesellschaft mit ihren Normen eingreifen, um konfliktgeladene Trennungen zu verhindern?

Vor allem die sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen in der Schweiz führen dazu, dass die Mutter die elterliche Verantwortung grösstenteils übernimmt, während der Vater der Familienernährer bleibt. Einerseits ist festzustellen, dass eine Aufteilung der Erwerbstätigkeit zwischen den beiden Partnern gemäss Les politiques familiales nicht immer interessant, anders gesagt also das Modell des Alleinverdieners nach wie vor vorteilhafter ist. Angebote, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, gehören in diese Gleichung. Andererseits werde die kulturell vorherrschende Vorstellung, dass man, je mehr Bedeutung etwas zugemessen wird, desto weniger bereit ist, die Familienbetreuung zu teilen, in diesem Schema gefestigt. Das heisst, dass der Mann sein Einkommen nicht reduziere (auch nicht seine Arbeitszeit, um sich um die Kinder zu kümmern), und die Frau es im Gegenteil um CHF 1’005.-/Monat reduziere (Schweizerischer Durchschnitt) und die Vollzeitarbeitsstelle aufgibt.

Wenn die Ungleichheiten bei der elterlichen und der wirtschaftlichen Verantwortung in der einheitlichen Familie (FR) allgemein versteckt seien (zugunsten eines gemeinsamen Ziels), sei dies bei einer Trennung nicht mehr möglich. Gemäss Modak (FR) ist der Übergang von einer vereinten Familie zu einer getrennten und funktionalen Familie, in der sich das Kind positiv entwickeln kann, zweifellos nur möglich, wenn die elterlichen, beruflichen und familiären Bedingungen für beide Elternteile in der ungetrennten Familie und auf dem Arbeitsmarkt ausgeglichen sind.

Abschliessend kann gesagt werden, dass, auch wenn allgemein durch die hohe Anzahl an Trennungen eine Banalisierung stattfindet, die Institution Familie und die geltenden sozioökonomischen und kulturellen Normen (Arbeitswelt, Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Rollenverteilung innerhalb der Familie) weiterhin ein langfristig ausgerichtetes, traditionelles Familienbild stützen. Mit dieser Zweiteilung können die Schwierigkeiten für Kinder in getrennten Familien, wie die Verarmung, nicht verhindert werden. Diese Schwierigkeiten schüren die Konflikte zwischen den ehemaligen Partnern, was manchmal zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt.

Eine Trennung bleibt Privatsache. Die Gesellschaft verfügt jedoch über einen Handlungsspielraum, der genutzt werden könnte, um die Folgen für die betroffenen Kinder abzuschwächen.

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson, 22.09.14

Referenzierung:

Laura Libertino, Pr. Bertrand Oberson, Les politiques familiales, SP 2010.

Modak, « Etre parent après une séparation », in Burton-Jeangros, Lalive D’Epinay et Widmer, Interactions familiales et construction de l’intimité : Hommage à Jean Kellerhals, L’Harmattan, 2007, p. 313-324.

Palazzo-Crettol et Modak, « Etre parent après une séparation : analyse des processus de « départage » de l’enfant », in Swiss Journal of Sociology, 31 (2), 2005, 363-381

Robert-Nicoud, « Regional Disparities in Divorce Rates Within one Country : The Case of Switzerland », in Swiss Journal of Sociology, 40 (1), 2014, 29-55. Cit. « The regression analyses show the major importance of the socio-economic dimension, which exceeds the relative impact of the others. »

Vom verliebten Paar zum Elternpaar ohne Drama ?

6 Februar 2012

Die grosse Herausforderung einer Trennung, in welche Kinder involviert sind, besteht darin, die elterliche Dimension eines Paares zu erhalten, wenn sich die eheliche auflöst. Für die Mehrzahl ist diese Transformation von Erfolg gezeichnet, unter anderem Dank der Instrumente, welche zur Verfügung stehen. Dramen existieren immer, aber der Gesetzgeber hat entschieden, sich Instrumente zu geben, um die Anzahl dieser zu vermindern. Diese Tendenz zeichnet sich noch nicht ab, da es sich leider um eine Problematik von grosser Aktualität handelt.

Synthese der Soirée Sarah Oberson 2011, Working Report

Infolge der Tragödie des Verschwindens von Alessia und Livia hat sich die Stiftung Sarah Oberson anlässlich ihrer Sarah Oberson Konferenz 2011 folgende Frage gestellt: Wie kann verhindert werden, dass die Trennung der Eltern für die Kinder in einem Drama endet?

“In der Schweiz enden mehr als 50% der Ehen in einer Scheidung und mit einem ganzen Strauss von Problemen für die Eltern und vor allem für die betroffenen Kinder“, eine Anzahl von schätzungsweise 15‘000 pro Jahr (Comby).Die zu dieser Veranstaltung geladenen Experten sind sich einig, dass es keine Wunderlösung gibt, welche es erlaubt und ermöglicht, dass in sämtlichen Trennungen das Kindeswohl und die Interesse des Kindes vollumfänglich respektiert werden. Dafür existieren Werkzeuge um Konflikte zu verhindern und dramatische Auswirkungen zu vermindern.

Bei einer Trennung gibt es Spannungen, die oft auf Missverständnisse beruhen. Auf diesen Unverständnisse bauen sich oft zukünftige Spannungen auf, welche in einem offenen Konflikt oder gar in einem Drama enden können. Wenn im Rahmen einer Trennung eine qualifizierte Person, ein Mediator hilft, diese Missverständnisse aufzulösen, können viele potentiell explosive Situationen vermieden und entschärft werden (Agazzi).

Seit dem 1. Januar 2011 offiziell Bestandteil des Zivilrechts für Zivilverfahren (Teil 2, Absatz 2) kann die Familienmediation (1) vorteilhaft sein, wenn seitens der Eltern ein wirklicher Wille und die Fähigkeit zu Eigenmitverantwortung besteht. Im Fall aber, wo der Konflikt bereits ausgebrochen ist, kann sie zu einem zusätzlichen Mittel werden, um Meinungsverschiedenheiten zu schüren.

Trotz diesen Einschränkungen erreicht die Familienmediation eine Erfolgsquote von 75% und “schlägt einen anderen Zugang zur Trennung vor, welche die menschliche und affektive Dimension in das Zentrum stellt (…) und welche jedem einzelnen die Möglichkeit gibt, sich als echter Beteiligter angesichts der Trennung zu platzieren. Korrekt und professionell angewandt, erlaubt dieses Vorgehen die Trennung nicht nur so zu verstehen, wie sie von den Juristischen Akteuren übersetzt wird, sondern auch so, wie sie von den betroffenen Angehörigen und Eltern erlebt wird.” (Debons)  Ein anderes Instrument, welches im Parlament diskutiert wird, könnte die Einführung des gemeinsamen Sorgerechts (2) als Regel im Falle einer Scheidung oder einer Trennung sein. Geteilt, ist das Sorgerecht ein Werkzeug, welche es dem Kind erlaubt, von der erzieherischen Unterstützung beider Elternteile zu profitieren.

Diese Situation, ganz wie die Familienmediation, kann helfen, dramatische Fälle zu verhindern indem sie bereits von Beginn an potentiell konfliktgeladene Situationen im Keim erstickt, welche in Dramen, insbesondere Entführungen (3), enden könnten.

Schlachtross des Mouvement pour la Condition Paternelle du Valais (Métrailler) und von allen Experten und Interessengruppen gewünscht, wird das gemeinsame Sorgerecht als Regel vom Schweizerischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) bekämpft.
Die aktuelle Formel setzt voraus, dass die Eltern, welche diese Verantwortung teilen möchten, gemeinsam ein Übereinkommen zur zukünftigen Organisation der Familie ausarbeiten. Sie forciert auf diese Art und Weise die Eltern, gemeinsam zu überlegen, wie sie kommunizieren und über was sie gemeinsam entscheiden wollen. Wenn sie zur Regel wird, wird dieser gemeinsame Reflektionsprozess nicht mehr verlangt. Das Risiko besteht darin, dass der Konflikt fortgeführt wird und “die (ungelösten) Unstimmigkeiten der Eltern auf das Kind übertragen werden” (Agazzi). “In der Tat, um das gemeinsame Sorgerecht einzuführen, braucht es eine grosse Zusammenarbeit zwischen den Eltern. Einem der Elternteile das Sorgerecht aufzuerlegen, scheint mir folglich in der Praxis zufallsbedingt, wenn die Zusammenarbeit nicht naturgemäss im Interesse des Kindes erfolgt.” (Joris).

Somit können sowohl die Familienmediation als auch das gemeinsame Sorgerecht als Regel Dramen verhindern, wenn sie auf einem wirklichen Wille der beiden Elternteile gründen, das verliebte Paar in ein verantwortungsvolles Elternpaar zu transformieren.

Vom 1. Januar 2011 an kann der zuständige Richter, wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind, einen Vormund (ein Anwalt des Kindes) bestimmen, welcher die Interesse des Kindes verteidigt (Art. 299 und 300 des Zivilrechts für Zivilverfahren). Dieser neue Akteur ist ein wichtiger Teil des juristischen Verfahrens, er hat die gleichen Rechte wie die Anwälte der anderen Partien: das Recht Rekurs einzulegen, das Recht Schriften abzulegen.

Wenn die Konflikte ausgebrochen sind, wenn die Eltern es nicht schaffen, eine Verständigungsgrundlage zu finden, um zufriedenstellende Lebensgrundlagen für ihre Kinder zu garantieren, ist der Vormund das Verfahrenselement, welches Abstand nimmt und sich auf die Interessen der Kinder konzentriert, ohne sich von der einen oder anderen Partie beeinflussen zu lassen. So kann er Situationen entschärfen, welche sich für die Entwicklung, aber auch die Sicherheit des Kindes, als gefährlich erweisen könnten.
Wenn das Kind von einem leidenden, aber wohlwollenden Elternteil weggenommen wird, findet der internationale Sozialdienst, welcher sich regelmässig solcher Situation gegenüber sieht, lebensfähige Lösungen für die Kinder, indem er mit der Mediation arbeitet. Wie Frau Debons unterstreicht Herr Widmer die Notwendigkeit,  dass der eine oder andere Elternteil einer Mediation zustimmt. Dieser Wille kann durch die Liebe ohne Anschuldigungen und ohne Bewertungen, welche die beiden Elternteile ihren Kindern entgegenbringen, genährt werden.

In einem System der Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Institutionen, muss diese Mediation von kompetenten Personen vorbereitet und durchgeführt werden. Es muss auch abgeklärt werden, ob die in diesem Rahmen getroffenen Entscheidungen im Interesse des Kindes sind. Und es muss eine Weiterverfolgung des Kindes und der getroffenen Entscheidungen garantiert werden, denn “wenn ein neuer Konflikt ausbricht, können die Reaktionen sich für das Kind als schädlich erweisen.”
Gemäss Widmer ist es notwendig, die Familie zu begleiten “auch wenn keine Lösungen, gar keine konkreten Ziele vorhanden sind; denn Menschen, die eine solche Situation erleben, sollten nicht allein gelassen werden.”

Ausserdem ist es utopische zu denken, dass man sämtliche Risiken für dramatische Situationen in unserer Gesellschaft eliminieren kann. Es müssen folglich Massnahmen vorgesehen werden, die extremen Situationen, wie wenn die physische oder psychische Gesundheit eines Kindes bedroht ist, entsprechen.

In diesem Rahmen ist seit Beginn des Jahres 2010 der Entführungsalarm im Einsatz, unteranderem Dank der Stiftung Sarah Oberson. Die Entführung durch ein Elternteil ist aber nicht ein Kriterium für seine Auslösung. Gemäss Varone bleibt das System verbesserungsfähig und die Gefährdung der physischen oder psychischen Integrität eines Kindes, auch durch eines seiner Elternteile, kann zu einer Nutzung dessen führen. Es gilt den Austausch von Informationen zwischen den zuständigen Institutionen und Dienststellen eines Kantons zu verbessern, damit die Gefährdung eines Kindes bestmöglich abgeschätzt werden und so angemessene Reaktionen für das Wohl des Kindes ermöglicht werden können.

Die Stiftung Sarah Oberson wünscht sich des Weiteren, dass die Schweiz rasch die europäische Nummer 11600 (das System wird von Herr Toutounghi auf Seite x beschrieben) übernimmt, damit den Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, aufmerksames Zuhören, hilfreiche Ratschläge und eine wohlwollende Unterstützung zu teil werden (…). Es handelt sich unserer Meinung nach um eine unentbehrliche Ergänzung des Entführungsalarmsystems.” (Comby)

Die grosse Herausforderung einer Trennung, in welche Kinder involviert sind, besteht darin, die elterliche Dimension eines Paares zu erhalten, wenn sich die eheliche auflöst. Für die Mehrzahl ist diese Transformation von Erfolg gezeichnet, unter anderem Dank der Instrumente, welche zur Verfügung stehen. Dramen existieren immer, aber der Gesetzgeber hat entschieden, sich Instrumente zu geben, um die Anzahl dieser zu vermindern. Diese Tendenz zeichnet sich noch nicht ab, da es sich leider um eine Problematik von grosser Aktualität handelt.

Clara Balestra, 06.02.2012

(1) “Die Familienmediation (…) besteht daraus, dass ein Prozess initiiert wird, in welchem ein neutraler und unparteiischer Dritter – der Familienmediator – den Eltern ein vertrauliches Terrain für Gespräche bietet und diese in der Erarbeitung von zufriedenstellenden Lösungen für alle Beteiligte begleitet (…). Dieses Vorgehen, basierend auf dem Dialog, zielt auf eine Beibehaltung der gemeinsamen Elternschaft über die Trennung hinaus ab und platziert die Interesse des Kindes ins Zentrum des Prozesses.” (Debons)

(2) “Das elterliche Sorgerecht ist die legale Macht der Eltern, notwendige Entscheidungen für das minderjährige Kind zu treffen. Sie beinhaltet insbesondere die Zuständigkeit, über die dem Kind zuteilwerdende Pflege zu bestimmen, seine Erziehung (einschliesslich der religiösen) zu seinem Wohl zu lenken sowie notwendige Entscheidungen zu treffen und über seinen Wohnort zu bestimmen.” (Joris)

(3) “Die überarbeiteten Bestimmungen beziehen sich ebenfalls auf die Bestimmung des Wohnsitzes. Der Elternteil, welcher einen Umzug wünscht, alleine oder mit dem Kind, muss im Prinzip die Zustimmung des anderen Elternteils erhalten, ausser wenn er in der Schweiz bleibt und der Wohnortswechsel die Ausübung des Sorgerechts nicht signifikant betrifft (so z.B. wenn die Distanz, welche die zwei Wohnorte trennt, dadurch nicht wesentlich verändert wird). Bei einem Rechtsstreit ist es am Richter oder des Schutzbeauftragten des Kindes zu unterscheiden.” Medienmitteilungen, Der Bundesrat, 17.11.2011

Redner :
Herr Bernard Comby, Präsident der Stiftung Sarah Oberson
Frau Doris Agazzi, Koordinatorin des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV)
Mme Christine Debons, unabhängige Mediatorin, im Auftrag des Schweizerischen Dachverbands Mediation (SDM-FSM)
Herr Christophe Joris, Bezirksrichter, Gericht von Martigny und St-Maurice
Herr Frédéric Métrailler, Mitglied des Mouvement de la Condition Paternelles Valais
Frau Patricia Michellod, Anwältin und Vormund im Kanton Genf
Herr Rolf Widmer, Direktor des internationalen Sozialdienstes (SSI), Genf
Herr Christian Varone, Kommandant der Kantonspolizei Wallis
Herr Yves Toutounghi, Generaldirektor der Stiftung Missing Children Switzerland

Auch : La médiation dans l’ordre juridique suisse.

Wie kann verhindert werden, dass die Trennung der Eltern in einem Drama für die Kinder endet?

6 September 2011

Wie kann verhindert werden, dass die Trennung der Eltern in einem Drama für die Kinder endet? Das Interesse des Kindes ins Zentrum dieses Phänomens stellend, will der Sarah Oberson Konferenz 2011 über einzelne dieser Dispositive reflektieren: die Familienmediation, das gemeinsame Sorgerecht und die Vormundschaft des Kindes.  Durch die Einladung von Experten, welche mit diesen Instrumenten arbeiten, versucht die Stiftung diese Praktiken mit der Realität zu konfrontieren.

Jedes Jahr enden ungefähr 50% der Heiraten in einer Scheidung. Man schätzt, dass 15‘000 Kinder von der Trennung ihrer Eltern betroffen sind, und dies ohne Einbezug der Trennungen ohne Heiratsschein. Trotz der steigenden sozialen Akzeptanz der letzten Jahrzehnte bringen diese Trennungen viel Leid mit sich, für die betroffenen Elternteile aber auch für die Kinder aus diesen Verbindungen.

Die grosse Mehrheit dieser Situationen regeln sich auf friedliche Art und Weise.  Man schätzt, dass nur 10% der Scheidungsfälle mit Streitigkeiten verbunden sind. Es gilt aber zu bedenken, dass unter diesen Trennungen, verbunden mit Streitigkeiten, Extremfälle vorkommen. Im Jahr 2010 sind in der Schweiz 102 neue Fälle von elterlicher Kindesentführung registriert worden – und diese Zahl beinhaltet nur die internationalen Entführungen. Die Medien informieren uns regelmäßig über Fälle von Totschlag von Kindern durch einen Elternteil, oft verbunden mit einem anschließenden Selbstmordversuch. Die Trennung der Eltern wird manchmal von Kindern teuer bezahlt.

Frankreich hat Familiengerichte eingeführt, welche eine Spezialisierung der Zuständigkeiten und eine Einbettung der Familien erlauben. Die Schweiz hat entschieden, dieses Phänomen mit der Einführung von Mechanismen, welche versuchen die negativen Auswirkungen die diese Trennungen, vor allem für die Kinder, mit sich bringen, zu mildern. Das Interesse des Kindes ins Zentrum dieses Phänomens stellend, will der Sarah Oberson Reflexionsabend 2011 über einzelne dieser Dispositive reflektieren: die Familienmediation, das gemeinsame Sorgerecht und die Vormundschaft des Kindes.  Durch die Einladung von Experten, welche mit diesen Instrumenten arbeiten, versucht die Stiftung diese Praktiken mit der Realität zu konfrontieren.

Die Familienmediation gehört zu den gerichtlichen wie auch außergerichtlichen Schritten einer Trennung. Kann die Mediation aber, als treibende Kraft der Trennung auf Verhandlungsbasis, im Falle einer Trennung einer Familie, welche nicht auf einem egalitären und demokratischen Verständnis basiert, ein Resultat erreichen, welches ein besserer Schutz der Minderjährigen garantiert?
Das gemeinsame Sorgerecht, in den Nachbarländern als auch in der Schweiz immer öfters praktiziert, wird in der Schweiz seit zwei Jahren debattiert. Ist es aber ein angemessenes Instrument um das Kind in der täglichen Praxis und in einer Situation, in welcher sich ein Paar im Konflikt trennt, vom erzieherischen Beitrag beider Elternteile profitieren zu lassen oder hält es nicht eher Unstimmigkeiten aufrecht, und trägt so zu einer Verschlechterung des Lebenskontextes des Kindes bei?
Der Vormund ist ein neuer juristischer Akteur, welcher die Rechte des Kindes vertritt. Welche Fundamente existieren um die Legitimation dieser Repräsentation zu garantieren, vor allem, wenn das Kind die Fähigkeit zu abstrahieren noch nicht voll entwickelt hat? Und auf welche Art und Weise ermöglicht die Verteidigung der Rechte des Kindes, einem gleichwertigen Mitglied einer Familie in einer Konfliktsituation, diesem die Garantie eines besseren Schutzes?

In der Absicht, die Komplexität und Diversität von Trennungssituationen zu widerspiegeln und realistische Lösungswege anzuvisieren, organisiert die Stiftung Sarah Oberson nach den Präsentationen der Experten einen Runden Tisch. Dieser Runde Tisch soll gleichzeitig widersprüchlich aber auch konstruktiv die Stimmen nicht nur der Berufstätigen in diesem Sektor, sondern auch die Stimmen und Erfahrungen der Eltern mit und ohne Sorgerecht, die Stimmen von Repräsentanten des Schweizerischen Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) und der Bewegung Mouvement de la Condition Paternelle Valais (MCPV) zusammenführen.

DIE STIFTUNG SARAH OBERSON,
DAS INTERNATIONALE KINDERRECHTSINSTITUT

organisieren
eine Tagung zum Thema:

Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern: mögliche Ansätze

Mittwoch, den 9. November 2011
im Casino von Saxon, Wallis

Prospekt

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Die Stiftung Sarah Oberson organisiert jedes Jahr einen Reflexionstag zu aktuellen Themen in Zusammenhang mit dem Schutz der Kindheit. Diese Jahr präsentiert die Stiftung ein neuer Ablauf mit dem Ziel, diesen Moment der Reflexion für Experten und Eltern besser zugänglich zu machen. Sie präsentiert deshalb 4 Interventionen von Experten à je 15 Minuten und einen Runden Tisch, welcher sich dem Austausch von Ideen öffnen will.