Prävention und Bekämpfung von Kindermissbrauch: Was funktioniert? Ein Überblick der regionalen Ansätze, des Austausches und die Forschung

23 Oktober 2012

Es bestehen beträchtliche Unterschiede zwischen den Systemen der Kinderfürsorge in Deutschland, Ungarn, Portugal, Schweden und den Niederlanden in Bezug auf die Verteilung von Zuständigkeiten.  Eine Ähnlichkeit liegt in der Dezentralisierung der Dienste im Zusammenhang mit der Prävention oder Bekämpfung von Kindermissbrauch und -vernachlässigung von der nationalen Regierung auf die untergeordnete Ebene (im wesentlichen die Stadtverwaltungen), nahe an den Eltern. Jedoch besteht in allen Ländern eine nicht eindeutige Abgrenzung zwischen holistischen und dualistischen Systemen.

Von Europäische Allianz Für Familien, 25.09.2012

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Im Jahr 2011 wurde das Niederländische Jugendinstitut in Partnerschaft mit Organisationen in Deutschland, Ungarn, Portugal und Schweden im Rahmen des „Daphne III“-Programms der Europäischen Kommission mit einem zweijährigen Projekt zum Thema „Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche, Frauen, Opfer und Risikogruppen“ beauftragt. Der genaue Titel des Projektes lautet: „Prävention und Bekämpfung von Kindermissbrauch: Was funktioniert? Ein Überblick der regionalen Ansätze, den Austausch und die Forschung.“ Ziel des Projektes ist der Vergleich von Politiken und Praktiken über die Prävention von Kindermissbrauch und   -vernachlässigung in Europa. Das Projekt hat auch eine Forschungskomponente über die Erfahrung von Eltern mit Programmen. Der Abschlussbericht von Arbeitsfluss Eins (siehe unten) konzentriert sich auf Strategien in allen beteiligten Ländern, von der Prävention bis hin zur Behandlung.

Die wichtigsten Ergebnisse

Es bestehen beträchtliche Unterschiede zwischen den Systemen der Kinderfürsorge in Deutschland, Ungarn, Portugal, Schweden und den Niederlanden in Bezug auf die Verteilung von Zuständigkeiten.  Eine Ähnlichkeit liegt in der Dezentralisierung der Dienste im Zusammenhang mit der Prävention oder Bekämpfung von Kindermissbrauch und -vernachlässigung von der nationalen Regierung auf die untergeordnete Ebene (im wesentlichen die Stadtverwaltungen), nahe an den Eltern. Jedoch besteht in allen Ländern eine nicht eindeutige Abgrenzung zwischen holistischen und dualistischen Systemen.  Während das schwedische und das niederländische System beispielsweise einer der Kategorien zugeordnet werden können, so weist das portugiesische System Merkmale beider Kategorien auf.  Darüber hinaus ist in Ungarn eine offensichtliche Diskrepanz zwischen Politik und Praxis festzustellen.

In allen beteiligten Ländern gibt es ein vielfältiges Spektrum an umfassenden Diensten und Diensten zur Prävention. In fast allen Ländern sind drei Arten von Diensten verfügbar: Kinderfrüherziehung und –fürsorge; Gesundheitsdienste für schwangere Frauen, Kinder und Jugendliche bzw. junge Erwachsene und Unterstützung bei der Elternschaft. Allerdings kommt den umfassenden Diensten in keinem der Länder eine explizite Rolle in der Entdeckung von Kindermissbrauch zu. Schulen und Kinderwohlfahrtsdienste bieten potenzielle alternative Dienste zur Prävention.

Sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch zwischen den Ländern sind erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Meldepflichten hinsichtlich des Verdachts auf Kindermissbrauch und -vernachlässigung festzustellen, und an wen diese Meldungen zu richten sind. Meldepflichten auf nationaler Ebene bestehen in Ungarn, Portugal und Schweden. In Deutschland bestehen Meldepflichten auf Bundesebene und auf Länderebene. In den Niederlanden besteht keine Meldepflicht, und das Gesetz über eine Pflichtmeldekennziffer muss erst noch in Kraft treten. In den meisten Ländern können im Falle der Gefährdung eines Kindes direkte Maßnahmen ergriffen werden. Für die Opfer von Kindermissbrauch und -vernachlässigung, deren Familien und die Verursacher werden verschiedene Arten von Pflegediensten angeboten, einschließlich aber nicht beschränkt auf  Programme zur Entwicklung der Kompetenzen für die Eltern sowie psychologische und psychiatrische Dienste für die Kinder. In den Pflegediensten in den Teilnehmerländern wurden diverse Engpässe, wie etwa der Mangel an spezifischen Programmen zur Behandlung für die Opfer und Verursacher, sowie ein Mangel an Ressourcen, festgestellt.

Die Integration von Diensten erfolgtauf unterschiedliche Art und Weise in den beteiligten Ländern. So sind die niederländischen Jugend- und Familienzentren beispielsweise ein Ergebnis der Durchsetzung der Zusammenarbeit durch die Regierung, während die vergleichbaren schwedischen Institutionen Produkte von Initiativen von unten sind. Beide werden als bewährte Praktiken der Integration von Diensten betrachtet. Die Gesetzgebung über die Geheimhaltung und Praktiken kann die Integration von Diensten mitunter einschränken bzw. behindern. In den meisten Ländern sind jedoch im Falle des Verdachts auf Kindermissbrauch und -vernachlässigung Ausnahmen möglich. Darüber hinaus wurden Mittel, einschließlich Gesetzen, Dokumentationssystemen, Informationshandbüchern und der Fallkoordinierung, entwickelt, um die Integration von Diensten zu erleichtern.

Die Ausbildung und Schulung von Fachkräften über die Prävention, Entdeckung, Meldung und/oder Behandlung von Kindermissbrauch und –vernachlässigung variiert von einem Land zum anderen. So ist dieses in den Niederlanden nur sehr selten Teil der Grundausbildung, während es in Ungarn, Portugal und Schweden von dem Beruf abhängt. Gute Praktiken sind in Schweden hinsichtlich lokaler Projekte zur Bekämpfung der Personalfluktuation, und in den Niederlanden hinsichtlich spezieller Schulungskurse festzustellen. Im Ländervergleich zählen zu den Hindernissen die mangelnde Einheitlichkeit der Grundausbildung innerhalb der einzelnen Länder, die Finanzierung von Weiterbildungskursen und die Tatsache, dass die weitere Fortbildung und Schulung den Bedürfnissen der Fachkräfte bzw. deren Arbeitgebern nicht gerecht wird.

Nationale Berichte und Gesamtberichte

Die Ergebnisse aus dem Projekt umfassen nationale Berichte, die von den jeweiligen beteiligten Organisationen in jedem Land, speziell vom Schwedischen Orebro-Regionalrat, dem Ungarischen Verband für Familie, Kind und Jugend, dem Deutschen Jugendinstitut, dem CESIS in Portugal und dem Niederländischen Jugendinstitut in den Niederlanden erstellt wurden sowie einem Gesamtbericht aller beteiligten Länder. Die bevorstehenden Ergebnisse dieses Projektes umfassen einen Bericht vom Verweij Jonker-Institut in den Niederlanden über die Erfahrungen von Eltern und Fachkräften in den beteiligten Ländern. Darüber hinaus wird vom Deutschen Jugendinstitut und von der vergleichbaren Institution in den Niederlanden ein Handbuch mit dem Titel „Was ist in der Bekämpfung von Kindermissbrauch und –vernachlässigung erfolgreich?“ erstellt.

Overwiev Report

Letzte Aufforderung für die Umsetzung der 116 000

30 November 2010

…14 Mitgliedstaaten der EU wurden dazu aufgerufen, durch die Europäische Kommission zu handeln, “damit sie die europäische Rufnummer 116 000 sobald wie möglich in Betrieb nehmen…”

In einer Mitteilung vom 17. November 2010 sind vierzehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) dazu aufgerufen worden, durch die Europäische Kommission zu handeln, „damit sie sobald wie möglich die europäische Rufnummer 116 000 – die Hotlinenummer, welche der Meldung vermisster Kinder dient – in Betrieb nehmen. Es handelt sich um eine einheitliche Rufnummer, welche es den vermissten Kindern und ihren Eltern erlaubt, im gesamten EU-Raum Hilfe zu erhalten“. Falls diese letzte Mahnung zwecklos bleibt, zieht die Kommission in Betracht, gesetzliche Massnahmen zu ergreifen.

2007 hat die EU dafür gesorgt (Entscheidung 2007/116/EG), dass die Nummer 116 000 von allen EU-Mitgliedstaaten als Hotline reserviert wird. 2009 (Richtlinie 2009/136/EG) verlangt sie, dass alles daran gesetzt wird, die Inbetriebnahme der Hotline 116 000 bis 25. Mai 2011 zu gewährleisten. Sie verlangt ebenfalls von ihren Mitgliedern, dass sie dazu wirkungsvolle Informationen zur Verfügung stellen. Mehrere europäische Staaten verfügen bereits über eine Rufnummer für vermisste Kinder. Da die ersten Stunden nach einem Verschwinden besonders wichtig sind, versucht die EU durch diese Richtlinie, die Hilfsdienstleistungen unter einer einzigen Nummer zusammenzuführen, damit den Eltern und Kindern, die ausserhalb ihres Heimatstaates reisen, die Behördengänge erleichtern werden.

Trotz der Bemühungen der Kommission, verfügen im November 2010 nur 12 Staaten über einen solchen Dienst (im Vereinigten Königreich ist dieser Dienst nur teilweise in Betrieb).

Nach Ansicht der Europäischen Kommission verzögern zwei Hindernisse die Inbetriebnahme der einheitlichen Rufnummer für vermisste Kinder auf dem ganzen Kontinent:

- Die unzureichende Information der Öffentlichkeit und der Betreiber bei der Inbetriebnahme des Systems, sobald die Nummer freigeschaltet ist;

- Die fälligen Kosten: bei einer Freischaltung von 24 Stunden am Tag und 7 Tagen die Woche, der Notwendigkeit von qualifizierten Mitarbeitern und der Notwendigkeit eines mehrsprachigen Dienstes.

In ihrer Mitteilung vom 17.November 2010 drängt die Kommission alle ihre Mitglieder dazu, ihre Richtlinie umzusetzen, indem sie dafür sorgt, dass „alle Mitgliedstaaten die gleiche Qualitätsdienstleistung erbringen“. Zu diesem Zweck schlägt sie minimale gemeinsame Normen vor:

- Der Dienst muss in der(n) Sprache(n) des Mitgliedstaats und zumindest in Englisch zur Verfügung stehen.

- Entsprechend geschulte Mitarbeiter.

- Grenzübergreifende Fälle müssen an die zuständigen Behörden weiterverwiesen werden.

- Gegebenenfalls müssen nach Erledigung des Falls weitere Leistungen angeboten werden.

- Der Diensteanbieter muss mit den nationalen Strafverfolgungsbehörden und/oder Justizbehörden eine Kooperationsvereinbarung schliessen.

Die Kommission unterstützt ihr Vorgehen, indem sie den Austausch bewährter Verfahren durch periodische Beurteilungen und die Organisation jährlicher Zusammenkünfte auf hohem Niveau erleichtert.

Angesichts ihrer von EU-Staaten umgebenen geographischen Lage, muss die Schweiz in Betracht ziehen, in dieser Richtung zu handeln. Nach der Einführung des Entführungsalarmsystems am 01.01.2010, scheint der nächste logischste Schritt die Inbetriebnahme einer einheitlichen Rufnummer 116 000, zur Hilfe und Unterstützung der Kinder und Eltern im Falle eines Verschwindens des Kindes zu sein. Wird man eine weitere Tragödie in der Art derjenigen, welche der Einführung des Entführungsalarmsystems vorausgegangen ist (siehe Ein Drama um die Dinge voranzutreiben) abwarten müssen?

Wichtige Links:

- Missing Child Europe

- 116’000 hotline

- «The European Telephone Number for Missing Children : Best Practices and Recommendations »

(Français) 116 000, un complément au dispositif d’Alerte enlèvement ?

17 Juni 2009

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