Weglaufen: vom Ritus des Übergangs zum Ruf um Hilfe

21 Mai 2012

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige. Das Weglaufen birgt aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden. Und danach? Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet. Über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen zu nachdenken, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken.

25. Mai, dem Internationalen Tag der vermissten Kinder

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige, welche “freiwillig ihr Wohnsitz, ihre Institution oder ihre Aufnahmefamilie ohne Genehmigung ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten, welche diese ersetzen” verlassen. Die Weglaufer sind hauptsächlich Kinder zwischen 12 und 18 Jahren. Nach internationalen Studien “pendelt die jährliche Anzahl von Minderjährigen, welche den Wohnsitz (elterlich oder Institutionell) verlassen, zwischen 1,1 % und 8,7 % ” (Glowaks, 2004). Gemäss BFS lebten im Januar 2011 in der Schweiz  610 ‘ 166 Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren. Das Delta weggelaufener Kinder läge in der Schweiz folglich zwischen 6 ‘ 712 und 53 ‘ 084 Kinder pro Jahr. Eine abgeleitete und nicht bestätigte Zahl, da es keine nationale Statistik zu diesem Thema (BFS) gibt. Ein weitverbreitetes Phänomen also welches in den letzten Jahren in den angrenzenden Ländern stetig zunahm.

Für gewisse Forscher kann das Weglaufen “als integral zum Entwicklungsprozess gewisser Jugendlicher dazugehörend wahrgenommen werden” (Di Turro, 2009). Das Weglaufen als Übergangsritus; wie ein Ruf zum geheimnisvollen und anziehenden Unbekannten, ohne Autorität und Verantwortlichkeiten; das Weglaufen wie eine Art und Weise, sich der Autorität der Familie oder der Institution zu entziehen um schließlich auf eigenen Beinen zu stehen. Nach dieser Deutung soll das Weglaufen nur in Verbindung zu potentiellen Risiken auf  der Straße begleitet sein.

Die Daten stimmen überein: je länger ein Minderjähriger auf der Straße bleibt, umso mehr sind seine körperliche und psychische Integrität Risiken ausgesetzt. Das Weglaufen birgt also aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden.

Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Studien über das Thema zeigen gleichartige Risikofaktoren: eine schwierige Situation innerhalb der Familie, welchem vom Desinteresses der Eltern zu einem offen Konflikt reicht, oder schlimmer noch bis zu Misshandlungen. Man stellt “im Vergleich eine 6 bis 8 Mal höhere Erscheinung von Misshandlungen bei den Weggelaufenen als bei der Kontrollgruppe“ fest (Nervure, 2008). Außerdem “ist die Anzahl von den Weggelaufenen aus Institutionen  höher als diejenige aus  dem elterlichen Umfeld” (Glowaks, 2004). Schliesslich nehmen sie auch Risikofaktoren in Kauf wie Schwierigkeiten in der Schule, eine niedrige Selbstachtung, depressiven Verstimmungen und Selbstmordgedanken.

So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet, um zu sagen: ” ich brauche Hilfe. Die Situation, in der ich lebe ist zu schwer, als dass ich sie länger ertragen kann und ich habe keine Kraft mehr, ihr zu trotzen, also handle ich, ich fliehe”.

Ansonsten ist das Jugendalter zweifellos eine Durchgangszeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter. Die Jugendlichen beginnen den Prozess der Individualisierung und des Umsetzens von Autonomie. In dieser Periode sind nicht nur die Beziehungen mit der Familie und der Gesellschaft Veränderungen unterworfen, auch körperliche Umwälzungen finden statt, unter anderem in Form neurobiologischer Änderungen im Gehirn eines Jugendlichen. Diese Letzten eröffnen den Jugendlichen zwar große Aktionsmöglichkeiten, geben ihnen jedoch noch nicht die Kompetenz, die Folgen der Handlungen voll und ganz abzuschätzen.  So werden Risikoverhalten, Entscheidungsschwierigkeiten etc. gefördert. (1)

Alle diese Elemente müssen im Falle eines Weglaufens berücksichtigt werden. Jedes Weglaufen ist unterschiedlich und man kann sie nicht auf eine lineare Weise interpretieren.

Die Stiftung Sarah Oberson, welche gegründet wurde um Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, zu unterstützen, will zur Reflexion über die Bedeutung des Weglaufens von Kindern beitragen. Sie organisiert deshalb am 14. November 2012 eine Soirée de réflexion zum Thema „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe ?
Sie will über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen nachdenken. Dies mit dem Ziel, das Verständnis und die Kenntnis der Eltern und der Fachleute zu erweitern, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken, indem die Erwartungen angepasst werden.

Clara Balestra, 21.05.2012

(1) Boutrel Benjamin (2012), “Vulnérabilité individuelle et vulnérabilité collective à l’origine de la consommation excessive d’alcool à l’adolescence. Point de vue neurobiologique, in Jaffé Ph. et Lachat M., Adolescents et alcool, un cocktail détonnant, IUKB et IDE, p. 37.