Die Kriminalität bei Jugendlichen sinkt und die Medien schweigen

11 April 2011

Die Kriminalität bei Jugendlichen lässt nach und die Medien halten Stillschweigen über dieses Phänomen. Dieses Schweigen kontrastiert auf schockierende Art und Weise die mediale Abdeckung des Vorjahres. Das Bild von Strafffälligen, welches die Medien ständig den Jugendlichen zuschreibt, hätte für einmal zu Gunsten der Jugendlichen nuanciert werden können.

Die Kriminalität bei Jugendlichen hat sich im Jahr 2010 im Vergleich zum Jahr 2009 um 8% Prozent vermindert (Polizeiliche Kriminalstatistik 2010). Dies bedeutet, dass sich im Jahr 2010 1’402 Minderjährige weniger wegen kriminellen Delikten verantworten mussten.
Dieser Rückgang zeigt sich in sämtlichen Deliktkategorien, ( (- 9 % Prozent Delikte die das Strafgesetzbuch betreffen, – 3 % Prozent betreffend des Rauschmittelgesetzes, – 19 % Prozent betreffend des Gesetzes zu Aufenthalt von Ausländern). Zudem stellt man einen Rückgang der Rückfälle fest:  “…die in mehrere Verstöße verwickelten Minderjährigen sind im Durchschnitt einer geringeren Zahl von Delikten schuldhaft. ” ( Le temps, 22.03.11 )

Vor einem Jahr wurde, infolge einer Flut von alarmierenden Schlagzeilen über den angeblich außerordentlichen Anstieg der Jugendkriminalität, eine neue Polizeistatistik betreffend Kriminalität eingeführt, welche «…zum ersten Mal schweizweit sämtliche von der Polizei aufgenommenen Verstöße präsentiert“. Man sprach damals davon, dass „…von Zürich bis ins Wallis die kostenfreie Gewalt von Minderjährigen Besorgnis erregt“. (siehe blog vom 27.4.2010)

Trotz diesen ermutigenden Nachrichten, und selbst wenn diese Daten auf lange Zeit hinaus analysiert werden müssen, bevor Tendenzen abgeleitet werden können, haben nur wenige Zeitungen davon berichtet, und keine als Hauptschwerpunkt.
Dieses Schweigen kontrastiert auf schockierende Art und Weise die mediale Abdeckung des Vorjahres. Das Bild von Strafffälligen, welches die Medien ständig den Jugendlichen zuschreibt, hätte für einmal zu Gunsten der Jugendlichen nuanciert werden können.

Außerdem gilt es den starken Rückgang von sexuell motivierten Strafdelikten gegen Kinder zu beachten (- 26% Prozent), welche trotz dieses signifikanten Rückgangs – man spricht von einem Rückgang von 393 angezeigten Delikten – aber weiterhin häufig begangen werden ( 1‘133 registrierte Fälle). Die Täter dieser Delikte gehören einmal mehr in der Mehrzahl zum Familienkreis der Opfer (Statistik 2010, S.9).

Mit Philosophie gegen die Gewalt

28 März 2011

“… Von Anfang an hat man in der Philosophie die Meinung vertreten, dass der Logos (Dialog) eine Art war, sich der Gewalt zu widersetzen…” (Sasseville, Haute définition, RSR, 29.08.10)

“Ende der 60er Jahre wird sich Lipman, Professor der Logik an der Universität Columbia, der Notwendigkeit bewusst, dass man mit dem Erlernen der Denkmethoden viel früher als an der Universität beginnen muss, damit die Schüler sie wirklich nutzen können, um nachzudenken.” (Loison Apter, Le Temps, 14.02.2011) Er entwickelt also eine Lehrmethode, die den Kindern bestimmt ist. Seit ihrer frühesten Kindheit lernen die Kinder zu denken, nachzudenken und, da die Philosophie eine Form des Dialogs ist, tun sie dies in Gruppen, über Themen die sie berühren, indem ihr Interesse und ihre Partizipation geweckt werden.

“Die Methode ist folgende: Am Ende der Lektüre eines philosophischen Romanausschnitts, stellen die Kinder fragen. Danach, mit der Mithilfe jedes einzelnen und der gegenseitigen Unterstützung aller, versuchen sie – mit Hilfe des Dialogs – auf eine ausgesuchte philosophische Frage unter den gestellten zu antworten. Die Rolle des Betreuers ist es, die für den philosophischen Charakter des Austauschs nötigen Instrumente zu liefern: helfen, die Voraussetzungen auszumachen, die Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, den Zusammenhang zu berücksichtigen, etc. All dies in einer Stimmung des Zuhörens, des Respekts des Denkens und der Äusserungen eines jeden.” (Université Laval)

Lipman erforscht die Auswirkungen dieses Unterrichts am Verhalten der Kinder, insbesondere am gewalttätigen Verhalten. Seiner Meinung nach erzeugt der Frust die Aggression, die Gewalt. Damit dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip nicht in Gang kommt, muss man Ventile (siphoning off) finden. Zum Beispiel indem man den Frust in dem was Nietzsche creative rancor (1) nennt umwandelt oder in erlaubte Formen der Gewalt, wie dem Sport oder dem Geschäften. Ein weiteres ist das Betreiben der Philosophie für Kinder. Sie erlaubt es der Gemeinschaft – z.B. einer Schulklasse – den Frust eines oder mehrerer ihrer Mitglieder unterhalb der kritischen Schwelle zu reduzieren, in dem ihre Gründe und Ursachen gefunden werden: man spricht über dieses Gefühl und untersucht es.

“Sokrates und später Platon dachten, der Mensch handle aus Unwissenheit böswillig.” In der Annahme, dass wenn die Menschen die Gründe und die Tragweite  ihrer Taten besser verstünden, sie sich weniger der Gewalt bedienten, schlugen sie vor, durch Erziehung der Menschen, gegen die Gewalt zu kämpfen. Die Geschichte hat ihnen nicht immer Recht gegeben. Allerdings bringt das Philosophieren lernen ein Erlernen der Argumentation mit sich, ein Lernen, die Gedanken, die Gefühle und das Gelebte in zusammenhängende Worte zu fassen. (La traversée, Montréal)

Dieses Verfahren setzt “ein Vertrauen in das menschliche Denken”, in die Fähigkeit des Menschen “selbständig, für sich selbst und mit den anderen zu denken” voraus. Dies setzt seinerseits die Fähigkeit des Menschen zum Zuhören, zum Organisieren, zur Unparteilichkeit und zur Sorge um andere voraus. (Sasseville, Haute définition, RSR, 29.08.10)

Laut Lipman geht die Philosophie für Kinder weiter als die blosse Entwicklung des kritischen Denkens, das schon an sich sehr wichtig ist. In dem sie Themen behandelt, die Kinder stark interessieren, lehrt sie sie, dass das Denken auch Gefühle sind und dass diese ausgedrückt und untersucht werden können. Dass man den Dialog in der Gruppe führt, verbessert die Fähigkeit sich zu verstehen und sich zu schätzen, während man gleichzeitig die anderen besser versteht.

Somit liefert die Philosophie für Kinder diesen die nötigen Instrumente um ihren Frust in eine bestimmte Richtung zu lenken und ihn konstruktiv zu machen. Sie schafft eine Öffnung des Geistes, eine Toleranz gegenüber dem Denken des Anderen, der so zum Diskussionsteilnehmer und nicht mehr zum Feind wird. Sie gibt den Kindern ausserdem das nötige Rüstzeug mit, um den verschiedenen Herausforderungen und Gefahren denen sie in der Gesellschaft gegenüberstehen die Stirn zu bieten, indem sie ihnen einen kritischen Blick gewährt, der sie durch ihre Taten und Entscheidungen führt.

“Im Hinblick auf die Förderung einer Friedenskultur, der Gewaltbekämpfung, der Erziehung die auf die Ausrottung der Armut und auf nachhaltige Entwicklung abzielt, sichert die Tatschache dass die Kinder schon sehr früh ein kritisches Denken, die Selbständigkeit im Denken und eigenes Urteilsvermögen erlangen, sie gegen jede mögliche Manipulierung ab und bereitet sie vor, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.” (UNESCO, 1999)

Clara Balestra, 28.03.11

(1) « a non-aggressive sort of self-expression to be found in many different kinds of art. »

In der welschen Schweiz fördert, vermittelt und unterstützt die Vereinigung proPhilo die Anwendung der Philosophie für Kinder.

Jugendliche und Gewalt – Nationales Präventionsprogramm

10 August 2010

Leitartikel von Frau Claire Neville, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg und Praktikantin im Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE)

Jugendgewalt und ihre Entwicklung
Jugendgewalt ist nicht ein neues Phänomen; in letzter Zeit allerdings, breitet sich das Gefühl des Gewaltmechanismus insbesondere bei den Jugendlichen aus. Ist dies tatsächlich der Fall? Die Meinungen gehen auseinander. Dieser Eindruck wird unter anderem durch gewisse Medien hervorgerufen, die in ihrer Vorstellung der Tatsachen welche Jugendliche und Gewalt verbinden die Tendenz haben, dieses Gefühl einer unkontrollierten Zunahme der jugendlichen Gewalt zu geben. Es ist jedoch nötig, gewisse Gegebenheiten zu präzisieren, die diesem Eindruck auf eindrückliche Art widersprechen.

„Ja, die Gewalttaten gegen Personen, welche von Jugendlichen begangen wurden, haben in der Schweiz in den letzten 10 Jahren zugenommen; es haben jedoch nur die Delikte zugenommen, gegen welche Klage erhoben wurde, also die von geringer Schwere!!
Die Jugendgewalt hat in der Schweiz während diesen letzten 10 Jahren zugenommen, doch man muss ebenfalls die Tatsache berücksichtigen, dass die Zahl der in der Schweiz lebenden Minderjährigen währen dieser Zeitspanne ebenfalls zugenommen hat.
Nein, die Kriminalität ist nicht das schwerwiegendste soziale Problem, das durch die Jugend in der Schweiz besteht! Nur 0.2% der Minderjährigen werden wegen Gewalttaten bestraft.
Und schliesslich, nein, während diesen letzten 10 Jahren ist es nicht die Kriminalität der ausländischen Minderjährigen, die am meisten zugenommen hat, sondern es sind wohl die Urteile welche die jungen Schweizer betreffen, die am meisten zugenommen haben und dies einschliesslich den Gewalttaten!“ (Nicolas Queloz)

Welches Ausmass das Phänomen auch hat, die Jugendgewalt ist dennoch besorgniserregend: ein gewalttätiges Verhalten schadet nicht nur den Opfern, sondern auch der Gesellschaft und seinem jungen Täter. Alle betroffenen Personen haben ein Interesse daran, dass Massnahmen ergriffen werden, damit diese Verhaltensweisen verhindert werden.
Dies ist der Grund warum die Regierung  in Zusammenarbeit mit den Kantonen, den Städten und den Gemeinden beschlossen hat das nationale Programm der Prävention und Bekämpfung der Jugendgewalt zu lancieren.

Das Programm
Das Programm zielt insbesondere darauf ab, die Risikofaktoren der Jugendgewalt zu vermindern, den Schutz zu verstärken und die bestehenden Strukturen anzupassen. Die Massnahmen werden sich aus einer vertieften Bestandesaufnahme ergeben und werden die Jugendlichen ab ihrer frühesten Kindheit betreffen.

Die Aktivitäten werden sich auf zwei Hauptfunktionsebenen verteilen, Voneinander lernen und Kenntnisse übermitteln, und auf einer mehr theoretischen Ebene, Die Koordination zwischen Prävention, Intervention und Bestrafung verbessern. Diese drei Ebenen sind nicht unabhängig voneinander, sondern überschneiden sich in verschiedenen Punkten. Das Programm wird durch ein Bewertungsprotokoll abgeschlossen, das dem Bundesrat bestimmt ist.
Um diese Massnahmen zu finanzieren, wird der Bund etwa 4 Millionen Franken ausgeben. Die restlichen noch nicht bezifferten Kosten, werden den Kantonen und den Gemeinden übernommen werden.

Es scheint dennoch erstaunlich, dass das Programm den Schutz vor den Medien vorsieht, aber dass es keine Sensibilisierungsmassnahmen der Medien gibt. Sie für die Tatsache zu sensibilisieren, dass ein verheerendes Gefühl gegenüber den Jugendlichen entstehen kann, wenn man die Jugendgewalt wie einen Teufelskreis darstellt.

In der Vorstellung, welche sich die Jugendlichen von der Gewalt machen, dem Bild, das die Gesellschaft ihnen von ihnen selbst widerspiegelt, in der friedlichen Konfliktlösung, in den Möglichkeiten, die man den Jugendlichen anbietet, um ihre Standpunkte vorzustellen, spielen die Medien ebenfalls ihre bestimmte Rolle.
Eine echte Partnerschaft mit den Medien, welche sich nicht bloss auf die Medienerziehung der Jugendlichen beschränkt, sondern ebenfalls auf umgekehrte Weise, die Medien sensibilisierend wirkt, könnte dazu beitragen, diese gewalttätigen Verhaltensarten einzudämmen.

Alarmierende oder panikmachende Medien?

27 April 2010

Das Vorstellen der neuen schweizerischen Polizeistatistik der vereinigten Kriminalität am 22. März 2010, hat eine Lawine von beunruhigenden Titeln ausgelöst, deren Stars die Minderjährigen und die Ausländer sind (1).

Ganz zufällig hat Herr Guéniat – Sicherheitspolizeichef in Neuenburg – 5 Tage vor dieser Ankündigung, während einer Konferenz im Rahmen einer Reflexionstagung über Migrantenkinder (2) bestätigt, dass die Entwicklung seitens der jungen Straftäter zwischen 1999 und 2005 um 12% abgenommen hat, und zwischen 1982 und 2007 um 17%. „Die Kriminalität ist nicht das schwerwiegendste soziale Problem seitens der Jugend in der Schweiz! Nur 1,2% der 945’000 Minderjährigen werden jedes Jahr verurteilt. Nur 0,2% der Jugendlichen werden wegen Gewalttaten bestraft.“

Auch „dauert die Straftätigkeit eines Jugendlichen nach Ansicht der Kriminologen Fréchette und Leblanc, nur selten mehr als drei Jahre, danach finden die jungen Straftäter einen positiven Ausweg.“ (Guéniat, 18.03.2010)

Prof. Quéloz bestätigt, was ihn betrifft, dass „nicht die Kriminalität der Minderjährigen ausländischer Nationalität am meisten zugenommen hat (in Zahlen und nicht in % der Bevölkerung), aber dass es doch sehr wohl die Urteilssprechungen betreffend junge Schweizer sind, die am meisten zugenommen haben, inklusive für Gewalttaten.“

Ausserdem hat die Kriminologie verschiedentlich aufgezeigt, dass wenn diese 4 Gruppen von Variablen (persönlicher Hintergrund, familiärer Kontext, schulischer Kontext, Umgebungskontext) ungünstig im Erlebten einer Person zusammengeführt werden, diese 80% der Chancen haben wird zur Tat zu schreiten (Guéniat, 18.03.2010). Aus diesem Grund verzögert das Statistik Schweiz (BFS) die möglichen Folgerungen zu den von Ausländern begangenen Vergehen, da diese noch nicht zu deren sozialökonomischen Status in Bezug gesetzt werden können, welcher „für die ansässige ausländische Bevölkerung im Mittel tiefer liegt“ (3).

Somit stimmt es; die Zahlen sind da um zu unterstreichen, dass die Jugendlichen und die Ausländer jene sind, die im Verhältnis zu ihrer Zahl, mehr Straftaten begehen. Warum präsentiert man denn diese Daten nicht in ihrem Zusammenhang und beendet diese kontraproduktive und politisch manipulierbare Panikmache?

Wennschon Panikmache, dennschon über die wirklichen Probleme:

Entgegen etlichen Pressetiteln, unterstreicht die Pressemitteilung des BFS vom 22.03.2010 in erster Linie die Wichtigkeit der häuslichen Gewalt gegenüber allen Gewaltvergehen, bei der die Viktimisierung der Kinder sehr wichtig ist (22% registrierte Vergehen der häuslichen Gewalt).

Die Statistiken erwähnen ebenfalls den hohen Prozentsatz an Vergehen gegen die sexuelle Integrität der Minderjährigen. „Sexuelle Handlungen mit Kindern sind die Vergehen dieser Art, die am häufigsten registriert werden (23%)“.

Die Viktimisierung der Kinder (2) wird auch in einer Umfrage festgestellt, die in Zürich durchgeführt wurde und die hervorhebt, dass 2007, 25,2% der Kinder Opfer einer Gewalttat während der letzten 30 Monate waren (27,6% waren es 1999) – (Guéniat, 2008, Diapositiv 23).

Die Presse jedoch, betont diese Art von genauso spektakulär und medienwirksam „verkäuflich“ scheinenden Ereignissen wenig, indem sie eher der Kriminalität der Jugendlichen und der Ausländer, oder noch besser der Ausländerjugendlichen den Vorzug gibt.

Clara Balestra, 27.04.2010

(1) Presse :
- Un meurtre par semaine, Le nouvelliste, 23.03.2010, p. 5.
- De Zurich au Valais, la violence gratuite des mineurs préoccupe, Le Temps, 24.03.2010
- Insécurité croissante en Suisse, Communiqué UDC Suisse, 31.03.2010
- Au niveau suisse, les actes de brigandage sont en nette augmentation, arcinfo.ch, 23.03.2010

(2) Das Wort “Kind” bezeichnet jeden Menschen, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat (Art. 1 KRK).

(3)”Inwiefern dies mit dem durchschnittlich tieferen sozioökonomischen Status der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung zusammenhängt, wird sich mit dem zukünftigen Integrationsindikatorensystem des BFS bald besser eruieren lassen.” Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Jahresbericht 2009, p. 8.